Während meiner Zeit in Mindelo bis zur Abfahrt wurde es nochmal spannend. Mein Abfahrtstermin war für Freitag, den 5. Dezember, geplant. Den Montag davor beauftragte ich die örtliche Werft damit den Wärmetauscher des Motors zu reinigen. Dies war längst überfällig und einen überhitzenden Motor auf dem Atlantik wollte ich nicht riskieren.
Am Dienstag erhielt ich jedoch die Mitteilung, dass der Wärmetauscher, den sie bereits am Montag ausgebaut hatten, immer noch nicht gereinigt sei. Am nächsten Morgen, Mittwoch, wurde ich erneut auf den Nachmittag vertröstet – statt die Umgebung zu erkunden, musste ich auf den Mechaniker warten. Auch das brachte keine Lösung.
Erst am Donnerstag erschien schließlich der Mechaniker und setzte den Wärmetauscher wieder ein. Ich erinnerte ihn daran, dass ich am Freitag losfahren wollte. Die Dichtungsmasse musste noch trocknen und so konnten die Arbeiten noch nicht vollständig abgeschlossen werden. Somit musste der Mechaniker am Freitagmorgen noch einmal vorbeikommen.
Mittags war es dann soweit: Der Motor lief wieder, und ich machte die Leinen los und befüllte den Dieseltank in der Marina.
Ich ließ den Autopiloten die Passage zwischen den beiden Inseln steuern. Es war schon später Nachmittag geworden. Kap Verde ließ ich in einem grauen Wolkenband hinter mir.

Bevor es dunkel wurde, baute ich die Bäume für das Passatsegel auf. Der Wind wurde zwischen den Inseln kanalisiert und trieb mich gut Richtung Westen.

Die erste Woche brachte sehr gute Windbedingungen mit sich. Das Wetter war auch sehr ruhig.
Jeden Morgen fand ich ein paar fliegende Fische an Deck, die sich quasi verflogen hatten. In der Regel landeten diese an Deck. Einer hat es aber bis ins Cockpit geschafft.

Nach ein paar Tagen stellte sich eine gewisse Routine ein. Wenn die Sonne aufgegangen war, frühstückte ich zunächst und sendete dann meine Position über das Satellitentelefon. Tagsüber versuchte ich ein wenig zu schlafen, hörte Podcasts oder las ein Buch. Am Nachmittag kochte ich etwas zu Essen. Und am Abend sendete ich nochmals meine Position über das Satellitentelefon. Die Nacht verbrachte ich in der Regel unter Deck. Ich schlief für eine halbe Stunde. Danach überprüfte ich Kurs, Windstärke und Windgeschwindigkeit. Ich schaute auch nach, ob vielleicht noch ein anderes Schiff zu sehen war. Dies war sogar einmal der Fall. In der Regel haben (fast) alle Schiffe das AIS an Bord. Damit werden Positions- und Navigationsdaten mittels VHF an die umliegenden Schiffe gesendet. Die Plotter sind dann in der Lage, mit diesen Informationen eine Kollision zu berechnen und schicken einen Alarm raus, falls dies der Fall sein sollte. In einer Nacht habe ich einen anderen Segler gesehen. Das hieß, dass dieser schon recht nah bei mir war. Auf dem Plotter war nichts zu sehen. Es ist schon recht selten, aber wie man sieht nicht auszuschließen, dass ein Segler ohne AIS fährt. Ein paar weitere Segler sind dann in den Tagen aufgetaucht. Auch wenn der Atlantik groß ist, es sind dann doch recht viele Schiffe unterwegs, sodass man nie wirklich alleine ist. Alle paar Tage taucht mal ein Schiff auf.
Zweimal musste ich den Motor einschalten um Strom zu erzeugen. In der jeweiligen Nacht ließ ich den elektrischen Autopilot steuern und am folgenden Tag gab es nicht genug Sonne für die Solarstromerzeugung. Am Tag danach fiel mir beim Rundgang auf, dass ich Wasser in der Motor-Bilge hatte. Ich habe mir das Problem genauer angeschaut und stellte fest, dass der Mechaniker schlecht gearbeitet hat. Die Dichtungen beim Wärmetauscher waren nicht dicht. Auf See machte ich daher einen provisiorischen Fix und versiegelte die Stelle, die eh schon mit Dichtungsmasse zugeschmiert war, mit einer weiteren Dichtungsmasse. Ich konnte das Problem zum Glück beheben. So konnte ich mir sicher sein, dass ich auf dem Weg zum Ankerplatz nicht den Motorraum mit Seewasser flute.
Ein weiteres Problem war der Ruderkoker. Es lief mal wieder Wasser aus dem Ruderkoker ins Schiff. Dieses Leck wurde schon mehrfach von einer Werft behoben. Und eigentlich hatte ich Ruhe damit für über einen Jahr. Der Druck der Welle war aber so stark, dass permanent etwas Wasser ins Schiff lief. Ich putzte die Stelle zweimal am Tag aus. Das Probleme wurde zum Glück nicht schlimmer. Auf Martinique werde ich eine Werft brauchen, die sich dem Problem nochmals annimt.
Nach einer Woche nahm der Wind an Stärke zu. Ich hatte nun permanent 20 – 25 Knoten Wind. Mit dem Satellitentelefon rief ich zweimal täglich die aktuellen Wetterdaten ab. Auch vor der Abfahrt haben die Vorhersagen stärkeren Wind bis zu 30 Knoten vorhergesagt. Die Phase des stärkeren Winds fing also an und sollte sich für mindestens eine Woche lang halten.

Mit dem Wind kamen auch die Wellen. Die Wellenhöhe betrug inzwischen etwa 3 – 4 Meter. Serafina surfte auf den Wellen, sodass auch mal eine Geschwindigkeit von 10 Knoten über Grund erreicht wurde. Da die Welle schräg achtern kam, rollte Serafina sehr stark und das Leben unter Bord wurde zunehmend beschwerlicher. Ich konnte beim Kochen nichts kurz stehen lassen. So wollte ich mir beispielsweise einmal ein Rührei machen. Aber als das Ei in der Schüssel war und ich nur den Herd anstellen wollte, kam schon die nächste Welle, kippte die Schüssel um und die Eimasse verteilte sich über die ganze Pantry. Solche Erlebnisse hatte ich auch mit Müsli beim Frühstück. Nur kurz die Milch wegräumen und schon lag die Schüssel am Boden.
Der Wind nahm weiterhin zu und mittlerweile hatte ich permanent 30 Knoten Wind und in den Böen bis zu 35 Knoten. Das war mehr Wind als angesagt. Mit recht wenig Segel ging es weiter. Und ich verbrachte die Zeit meistens unter Deck. Denn mittlerweile streiften Squalls über den Atlantik. Das sind kleinräumige Wetterstörungen. Wenn ein Squall über einen hinweggeht, dann gibt es zunächst recht starken Wind bis zu 40 Knoten. Danach schüttet es wie aus Eimern. Zum Schluss fällt dann der Wind ein, bis sich der Passatwind wieder durchsetzt.
Nach einer Woche ging der Wind wieder auf 20 Knoten zurück und somit auch die Welle. Das Leben an Bord wurde wieder angenehmer. Ich näherte mich Martinique und steckte die SD-Karte für die Karibik in den Plotter. Die Karte hatte ich in Kap Verde ausprobiert und mit meinem Konto verbunden. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass die Karte nicht gelesen wurde. Ich schaute mit meinem Laptop nach, was da los war. Die Karte war korrupt. Anstatt der Seekarte, gab es nur eine „Systemdatei“ mit dem „[]“. So ein Mist. Gut, dass ich zwei weitere Möglichkeiten eingeplant hatte, falls so etwas passieren würde. Auf dem Tablet hatte ich bereits Seekarten heruntergeladen. Dort hatte ich zwei verschiedene Apps installiert, falls ich mal Probleme mit dem Plotter haben sollte.
Nach 16 Tagen auf See, sah ich dann auch die Insel Martinique vor mir. Wie nach jeder Überfahrt ankerte ich in der Buch von St. Anne. Mit mir waren noch gefühlt 300 weitere Schiffe vor Anker. Zum Glück ist die Bucht sehr groß und es gab genügend Platz zum Ankern. Für den nächsten Tag hatte Lizy bereits die Marina gebucht. Sie war schon ein paar Tage auf der Insel und erwartete meine Ankunft.
